Ein Blick ins Buch
Zanskar 1993 entstand aus den Tagebuchnotizen, die ich während unserer Reise durch Ladakh und Zanskar im Sommer 1993 schrieb. Die folgende Leseprobe führt zurück in diese Wochen – zu langen Tagen zu Fuss, hohen Pässen und einer Welt, in der Reisen noch bedeutete, für eine Weile wirklich weg zu sein.

Eine Nacht in Wanla
Aus Kapitel 3 – Wo die Strasse endet
Unsere erste Trekkingetappe führte uns von Lamayuru nach Wanla. Am Abend sass ich mit meinem Tagebuch im Zelt. Einige Kinder aus dem Dorf kamen näher und beobachteten schweigend, was ich tat.
Die erste Nacht im Zelt
Am späten Nachmittag erreichten wir Wanla. Mehrere Täler trafen hier zusammen, und das Wasser der Bäche verwandelte den Talboden in eine grüne Oase.
Die Lasttiere waren bereits angekommen. Während die Sherpas das Gepäck abluden und den Lagerplatz vorbereiteten, versammelten sich immer mehr Kinder. Anfangs hielten sie Abstand, dann liefen sie zwischen den Zelten hindurch und beobachteten, was wir taten.
Nach und nach bemerkten wir, dass sich immer mehr Dorfbewohner näherten. Zunächst hielten sie einen respektvollen Abstand und beobachteten uns neugierig. Vor allem die Kinder schauten mit grossen Augen zu uns herüber. Es dauerte jedoch nicht lange, bis ihre Zurückhaltung der Neugier wich. Erst vorsichtig, dann immer mutiger liefen sie zwischen uns hindurch, lachten, spielten und beobachteten jede unserer Bewegungen. Es fühlte sich an, als wäre das halbe Dorf gekommen, um die fremden Besucher zu sehen. Wahrscheinlich waren nicht wir als Menschen das eigentlich Interessante. Es waren vielmehr unsere helle Haut, unsere Kleidung, unsere Rucksäcke und all die Dinge, die in ihrem Alltag kaum vorkamen.
Während ich den Kindern zusah, fiel mir ihre Kleidung auf. Eigentlich konnte man kaum noch von Kleidung sprechen. Die Stoffe waren ausgeblichen, vielfach geflickt und an manchen Stellen zerrissen. Manche Pullover hatten Löcher, durch die der Wind ungehindert hindurchwehen konnte. Und doch schien sie das überhaupt nicht zu stören. Sie lachten, rannten über die Wiesen, spielten miteinander und strahlten eine unbeschwerte Lebensfreude aus, die mich beeindruckte.
Nach dem Essen zog ich mich in mein Zelt zurück. Wie an jedem Abend wollte ich die Erlebnisse des Tages festhalten, solange sie noch frisch waren. Ich setzte die Stirnlampe auf, schlug mein Tagebuch auf und begann zu schreiben. Der Lichtkegel der Lampe war die einzige helle Stelle in der Dunkelheit und beleuchtete gerade so viel, dass ich meine Schrift erkennen konnte.
Nach einer Weile bemerkte ich, dass sich vor dem Zelteingang etwas bewegte. Zunächst erschien ein kleines Mädchen, barfuss und mit einem dünnen Schal über den Schultern. Wenig später kamen zwei Jungen dazu. Sie schubsten sich noch gegenseitig, verstummten aber sofort, als sie näher kamen. Schliesslich lugte hinter den Grösseren noch ein kleiner Junge hervor, der sich immer wieder halb versteckte und neugierig zu mir herüberschaute.
Die Kinder sagten kein Wort. Sie standen einfach da und beobachteten mich. Ihre Hände hielten sie hinter dem Rücken verschränkt, ihre Körper wirkten zugleich neugierig und vorsichtig. Wollten sie herausfinden, woher das Licht auf meinem Kopf kam? Und weshalb ein Fremder am Abend so konzentriert Zeichen auf Papier setzte. War es die Stirnlampe selbst, die sie faszinierte? Ich wusste es nicht.
Während ich weiterschrieb, musste ich immer wieder zu ihnen hinüberschauen. Sie standen noch immer da, ganz ruhig, mit ihren grossen, wachen Augen. Es war ein eigenartiger Moment. Wir konnten uns kaum verständigen, wechselten kein einziges Wort und verstanden uns doch auf eine stille Weise. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns gegenseitig beobachteten. Ich versuchte, die Eindrücke dieses Tages festzuhalten, während sie versuchten zu verstehen, was ich da eigentlich tat.
Ich fragte mich, was die Kinder wohl dachten, während sie mir beim Schreiben zusahen. Für mich war es selbstverständlich, am Abend ein Tagebuch zu führen. Ich dachte nicht weiter darüber nach. Doch war ein Mensch, der schweigend in einem kleinen Buch schrieb, für sie wohl ebenso ungewöhnlich, wie ihre Welt für mich war.
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, wie vorsichtig man mit seinen eigenen Vorstellungen sein muss. Wir Europäer neigen schnell dazu, das Leben anderer Menschen als einfach oder sogar eintönig zu bezeichnen. Aber wer waren wir, darüber zu urteilen? Wir kannten ihren Alltag nicht. Wir wussten nicht, was ihnen wichtig war, worüber sie lachten oder was ihnen Sorgen bereitete. Wir sahen nur einen kleinen Ausschnitt ihres Lebens – so wie sie nur einen kleinen Ausschnitt unseres Lebens sahen.
Vielleicht waren wir an diesem Abend gar nicht die Beobachter, sondern die Beobachteten. Nach einer Weile begannen die Kinder leise miteinander zu flüstern. Einer nach dem anderen lächelte noch einmal schüchtern, dann verschwanden sie genauso lautlos in der Dunkelheit, wie sie gekommen waren.
Ich blieb noch einen Moment sitzen und hörte dem leisen Plätschern des Baches zu. Langsam legte ich den Stift beiseite, löschte meine Stirnlampe und kroch in meinen Schlafsack. Draussen rauschte das Wasser unermüdlich weiter. Es war das letzte Geräusch, das ich an diesem Abend bewusst wahrnahm.
